Alfter, 17. Februar 2012

Internationale Forschungstagung des Projektes „Eurythmiepädagogik heute“ an der Alanus-Hochschule

Am 16. und 17. Februar 2012 fand eine Forschungstagung im Rahmen des Projektes „Eurythmiepädagogik heute“ statt (Leitung: Prof. Stefan Hasler, Fachgebiet Eurythmie, und Prof. Dr. Charlotte Heinritz, Fachbereich Bildungswissenschaft). Die internationale  Tagung diente dazu,  den Stand der Arbeit vorzustellen und die nächsten Schritte gemeinsam zu diskutieren und zu beraten.

Erstmals konstituierte sich der Expertenrat, der für das Forschungsprojekt die Aufgabe hat unter der moderierenden Leitung von Prof. Hasler und Prof. Heinritz in mehreren Schritten gemeinsam ein Grundlagenpapier zu Fragen der „Eigenständigkeit und Persönlichkeitsentwicklung der Schüler im Eurythmieunterricht“ zu erstellen und zu publizieren. Dieses Papier soll den aktuellen Stand zu dieser Fragestellung aus der Perspektive von Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen festhalten und der Fachöffentlichkeit vorstellen. Darüber hinaus dient diese Expertise als Grundlage für die empirische Erforschung des Eurythmieunterrichts in der zweiten Projektphase ab Herbst 2012. Um ein breites Spektrum an Expertenwissen zu erreichen, gehören Eurythmieausbilder von drei Ausbildungsstätten aus Deutschland und den Niederlanden zum Expertenrat,  sowie eine Schulärztin, eine Heileurythmistin und – für den Bereich Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft – Prof. Dr.  Jost Schieren von der Alanus Hochschule.

Im zweiten Teil der Tagung trafen sich die Eurythmielehrer, die mit den Methoden pädagogischer Praxisforschung Fragestellungen in ihrem eigenen Unterricht empirisch bearbeiten. Sie stellten den Zwischenstand ihrer Arbeit vor und diskutierten erste Ergebnisse mit den Teilnehmern der Tagung.

Dozenten der Eurythmieausbildungsstätten in Den Haag (Niederlande), Witten, Stuttgart, Järna (Schweden), Hamburg und Alfter sowie ein Vertreter der Forschungsstelle im Bund der Freien Waldorfschulen begleiten das Forschungsprojekt von Anfang an. So diskutierten sie auch während dieser Tagung mit den Projektmitwirkenden die Projektziele und –ergebnisse und unterstützten die Arbeit mit Empfehlungen auf dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen und Kenntnisse.

 

Am 21. und 22. September 2012 findet das „Forschungssymposium Eurythmiepädagogik I“ statt, auf dem die Ergebnisse der ersten Projektphase öffentlich vorgestellt werden.

Hamburg, 30. OKtober 2011

Erfahrungsbericht von Jürgen Frank, Eurythmielehrer an der Waldorfschule Hamburg-Bergstedt

Im Zuge des ersten Projektteils des Forschungsprojekts setze ich mich intensiv mit dem Thema „Reflexion und Begriffsbildung des Eurythmieunterrichts als Grundlage zur Veränderung ablehnender Haltungen zum Fach Eurythmie“ auseinander. Hierbei geht es mir um die Fragestellungen „Wie gelangen Schüler vom Erleben zur Erfahrung und schließlich zur Begriffsbildung?“ und „Welche Auswirkungen hat dieser Prozess für ihre Haltungen zum Fach Eurythmie?“ Vier Wochen des Projektes liegen nun hinter mir und ich kann meine ersten Eindrücke formulieren.

 

Folgende Schritte habe ich unternommen:

  • Anonymer Fragebogen
  • Auswertung (ein mühsamer, zeitaufwendiger Prozess)
  • Übernahme der 9. Klasse
  • Darstellung der wesentlichen Schritte für die Schüler, die in den kommenden Jahren in der Eurythmie zu tun sein werden.
  • Fragensammlung in der Klasse – (was wollt ihr Wissen über die Eurythmie?)
  • Vier Wochen Unterricht (danach begann das Landbaupraktikum für die Klasse und im Anschluss daran folgten die Herbstferien)
  • Am Ende der vier Wochen offenes Gespräch mit den Schülern (was hat euch gefallen, wie ging es euch in der Zeit mit dem neuen Lehrer, was gefällt euch nicht, was sollte ich eurer Meinung nach ändern, bin ich zu streng, korrigiere ich zu viel etc.)

Vor der ersten Unterrichtsstunde in der 9. Klasse bekamen die Schüler einen Fragebogen in dem es mir im Wesentlichen, um deren Wertungen und Urteile in Bezug auf die Eurythmie als Unterrichtsfach ging.

 

Meine Vermutung, dass das Fach in dieser Klasse keinen besonders hohen Stellenwert besaß, hat sich weitgehend bestätigt. Ich hatte aber, nach dem was ich in der Vergangenheit als Hospitant in der Klasse erlebt hatte, noch viel vernichtendere Urteile erwartet. Durch diese verschiedenen Hospitationen in den vergangenen Jahren hatte ich ein Bild von der Klasse, hatte Urteile und auch deutliche Vorurteile.

 

Die Selbsteinschätzung der Schüler in Bezug auf ihr Unterrichtsverhalten und in Bezug auf ihre Mitarbeit zeichnete ein Bild von der Klasse, das wesentlich differenzierter war und in der Ehrlichkeit der Aussagen meine Erwartungen weit übertraf.

 

In den Aussagen gab es deutliche Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, was nun wirklich keine Überraschung darstellte. Überraschend war hingegen, wie stark sich Jungen und Mädchen in der Gruppe in ihren Aussagen ergänzten. So das mein erster spontaner Entschluss, die muss man Trennen, sich schnell gewandelt hat in: Die beiden Gruppen brauchen einander und stützen sich in der Phase der 9. Klasse sehr stark.

 

In dem Gespräch mit den Schülern nach vier Wochen, bei dem sich erstaunlich viele Schüler von sich aus beteiligten, bekam ich erstaunliche Rückmeldungen wie z. B.: Sie korrigieren sehr viel, das ist gut, denn dann lernen wir etwas!

 

Bei mir als Lehrer hat sich aber ein erstaunlicher Blickwechsel vollzogen und damit hatte ich, als ich das Projekt begonnen hatte, nicht gerechnet. Normalerweise scheint mir mein Antrieb, wenn ich eine neue Klasse übernehme, eher emotional geprägt zu sein. Ich versuche die Schüler gewissermaßen auf die Seite der Eurythmie zu ziehen und will durch guten Unterricht überzeugen und „gefallen“. In diesem Fall, in dem ich die Klasse als Forschungsgegenstand betrachte, verhält es sich anders, ein wenig differenzierter, distanzierter und ich befinde mich mehr in einer beobachtenden Position, zur Klasse und zu mir. Ich betrachte die Klasse mit mehr Distanz und was mir im Moment viel wichtiger erscheint, mein eigenes Handeln als Lehrer ist einer wesentlich stärkeren Selbstbeobachtung und Reflektion unterzogen. Dieser Positionswechsel ist sehr wohltuend, ungewohnt in der Klarheit und führt mich vielleicht zur Antwort auf die wesentliche Frage: Was braucht der Schüler in der 9. Klasse im Eurythmieunterricht wirklich?

 

 

Hamburg, 6. September 2011

Erfahrungsbericht von Michael Werner, Eurythmielehrer an der Waldorfschule Hamburg-Bergstedt zum Monitoring seines Eurythmieunterrichts mit Peter Elsen

Gerade komme ich von einem sehr langen Schultag nach Hause. Heute ereignete sich eine pädagogische Sternstunde, die mich sehr inspirierte. Nein, ich bin nicht größenwahnsinnig und ich habe auch keinen „genialen Unterricht“ gemacht. Ich hatte einfach nur ein Gespräch mit einem Kollegen Peter Elsen aus Schopfheim. Er ist wie ich Teilnehmer des Forschungsprojekts „Eurythmiepädagogik heute“ und war in dieser Sache bei uns in Hamburg-Bergstedt zu Besuch. Er hospitierte an zwei Tagen in Jürgen Franks (ebenfalls Eurythmielehrer an der Waldorfschule Hamburg-Bergstedt, Anm. der Red.) und in meinem Unterricht. Schon nach wenigen Minuten hatten die Schüler und ich ganz vergessen, dass er da war und alles nahm seinen gewohnten Verlauf.

Nach diesen beiden Tagen erzählte Peter Elsen mir, was ihm beim Hospitieren aufgefallen war, welche Fragen ihm kamen, welche Anregungen ihm einfielen, welche Unterschiede er zwischen seinen und meinen Schülern feststellen konnte, wie es ihm im Unterricht so ging, etc…

 

Wir hatten zur Vorbereitung auf diese Situation von Charlotte Heinritz (Professorin für empirische Sozialwissenschaft an der Alanus Hochschule) den Rat bekommen, uns methodisch über das Beobachtete auszutauschen und dabei das Fachsimpeln zu unterlassen. Es ginge nicht darum, das „richtige Unterrichten“ zu ergründen, sondern vielmehr darum, sich an den realen Gegebenheiten, Erfahrungen und Abläufen zu orientieren. Und so hatte Peter Elsen meine Eurythmiestunden mit einem offenen, interessierten Blick verfolgt und im Sinne des Projektes besonders darauf geachtet, wie ich unterrichte und was dabei zwischen den Schülern und mir geschieht. Er brachte mich in dieser Situation zum Sprechen und Nachdenken über Dinge, die ich sonst meist mit mir alleine ausmache. Im ganz normalen Alltag ist kaum Zeit, sich damit zu beschäftigen. So wurde mir bewusst, dass ich im Unterricht verschiedene Handlungen rein routiniert und unreflektiert tätige.

In unserem Reflexionsgespräch richteten wir uns nach Kriterien der empirischen Sozialforschung: Ein Forscher oder Beobachter (Peter Elsen) betritt ein Feld (Unterricht) als „teilnehmender Beobachter“ – somit ist der Beobachter auch Teil des Feldes. Er hat dabei die Aufgabe, die äußeren Beobachtungen von seinen inneren Regungen zu differenzieren.

Für mich als Beobachtetem sind seine Erfahrungen wiederum eine Anregung, mich aus seiner Perspektive meinen pädagogischen Kernanliegen anzunähern, zu reflektieren und so für mich mehr Klarheit zu erlangen, was mich noch nach 17 Jahren in die Schule treibt und mich mit Begeisterung unterrichten lässt.

Mir wurden einige der mich zentral bewegenden pädagogischen Motive im Laufe des Gespräches bewusster. Einschränkend muss man dazu bemerken, dass dies nur meine Erfahrungen und Gedanken sind und damit natürlich nicht übertragbar oder allgemeingültig. Sie spiegeln aber den aktuellen Stand meines Unterrichtsverständnisses und der sich daran anschließenden Fragen wider.

 

Zu Beginn der Hospitation stellten sich mir viele Fragen:

  • Was ist eigentlich die Aufgabe des Eurythmieunterrichts?
  • Welche Laute des Spruches der Unterrichtsstunde setze ich wie in Bewegung um?
  • Wie lange mache ich den gleichen Spruch? Warum?
  • Ist das Lernen von Sprüchen zu Beginn wichtig? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?
  • Wie ist das Verhältnis von Ton- zur Lauteurythmie? Wie viel davon in einer Stunde?
  • Warum spreche ich mit Schülern über ihre Erfahrungen in einer Übung? Welcher Lern- und Erfahrungsbegriff liegt diesem Unterrichtsteil meinerseits zugrunde?
  • Warum interessiert es mich, wie es den Schülern vor und nach dem Eurythmieunterricht geht?
  • Was ist bei mir die „Funktion von Ritualen“ im Unterricht? Welche Rituale habe ich neben Anfang und Abschluss der Stunde?
  • Was am Unterricht ist anstrengend und was nicht und wie kommt das?
  • Welche Überraschungen gab es in diesen Stunden?
  • Was sind offene Punkte, die ich zurzeit nicht beantworten kann?

 

Nach dem Gespräch war ich sehr angeregt, mich eingehender mit den angesprochenen Themen auseinanderzusetzen. Was lässt mich munter in den Unterricht gehen, was ist mir dabei wichtig, wie gehe ich mit den verschiedenen Klippen um, die natürlich jeder Unterricht bereithält?

Wir wollen das Monitoring, also die gegenseitige Beobachtung und Analyse des eigenen Eurythmieunterrichts, im Rahmen des Projektes weiter ausbauen. Diese neuen empirischen Erkenntnisse des Eurythmieunterrichts sollen schließlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und zur Diskussion gestellt werden. So sollen systematisch Grundlagen zur pädagogischen Diskussion rund um den Eurythmieunterricht geschaffen werden.

 

Der Eurythmieunterricht an Waldorfschulen ist heute sehr individuell: Jeder Kollege entwickelt eine eigene Art und eigene Methoden, wie er seinen Unterricht gestaltet und mit welchem Stoff er das konkret macht und wie er seine Schüler damit erreicht. Diese individuelle Situation ist nicht auf andere Personen übertragbar. Jeder Lehrer entwickelt eine individuelle Profilierung und dies nicht deshalb, weil man nicht in der Lage ist, Grundlagen oder Unterrichtsvorgaben richtig umzusetzen, sondern weil das eine natürliche Folge der künstlerischen Werte und Einstellungen ist, die sich aus dem Fach Eurythmie selbst ergeben. Der Lehrplan bietet eine grundlegende Orientierung und ist als Anregung gedacht, einen eigenen, kreativen Unterricht zu gestalten. Es geht nicht darum, Vorgaben eines festgelegten Unterrichtsschemas über die Schuljahre hinweg abzuarbeiten.

Diesen Weg zu klären und die Kollegen auf diesem Weg zu unterstützen, ist Sinn und Ziel dieses Forschungsprojektes.

 

Michael Werner,

Hamburg, den 06. September 2011

 

Hintergrund:

 

Im ersten Projektteil des Foreschungsprojekts geht es um die Untersuchung von Fragestellungen aus der eurythmiepädagogischen Praxis. Sieben erfahrene Eurythmielehrer aus Berlin, Hamburg, dem Ruhrgebiet und aus Süddeutschland untersuchen und beschreiben ihren eigenen Eurythmieunterricht. Die Frage die uns dabei bewegt ist: Was ist eigentlich guter Eurythmieunterricht und wie entsteht er? Diese Frage wird individuell und empirisch angegangen und untersucht. Die eigesetzten Instrumente sind Intervision und Hospitation. Ziel ist es dabei eurythmiepädagogische Erfahrungen als Material zu sammeln, zu untersuchen und in einer verständlichen Sprache zugänglich zu machen.